ISS-Transite: Wenn die Raumstation vor Sonne oder Mond vorbeizieht
Es gibt ein Foto, das unmöglich erscheint, es aber nicht ist: die scharfe Silhouette der Internationalen Raumstation, wie sie vor der Sonnen- oder Mondscheibe vorbeizieht. Man nennt das einen Transit. Das gelingt aus Deutschland genauso wie aus jedem anderen Land – und alles hängt davon ab, zur exakten Sekunde am exakten Ort zu sein.
Was ein Transit ist
Ein Transit findet statt, wenn sich die ISS genau zwischen deinem Standort und der Sonne oder dem Mond befindet. Aus deiner Perspektive erscheint die Raumstation als dunkle Silhouette – mit klar erkennbaren Solarmodulen –, die über die Scheibe wandert.
Der Unterschied zu einem normalen Überflug ist enorm. Bei einem Überflug siehst du mehrere Minuten lang einen hellen Lichtpunkt. Bei einem Transit siehst du eine echte Silhouette mit klarer Struktur – und das für weniger als eine Sekunde. Meistens dauert das Schauspiel zwischen einer halben und anderthalb Sekunden.
Diese Kürze ist die direkte Folge ihrer Geschwindigkeit: 27.600 km/h. So schnell überquert die Raumstation den scheinbaren Durchmesser von Sonne oder Mond.
Warum es so schwierig ist
Die Schwierigkeit liegt nicht in der Ausrüstung, sondern in der Geometrie. Der Geländestreifen, von dem aus ein bestimmter Transit sichtbar ist, ist oft nur wenige Kilometer breit. Wenn du dich außerhalb dieses Korridors befindest – und seien es nur drei Kilometer –, zieht die ISS zwar knapp an der Scheibe vorbei, aber eben nicht darüber: Foto verpasst.
Das erfordert ein ungewohntes Maß an Präzision: Du musst spezielle Transit-Vorhersagen abrufen, die den Sichtbarkeitsstreifen auf einer Karte anzeigen, und dich physisch dorthin begeben. Astrofotografen, die Transite jagen, fahren oft dutzende oder hunderte Kilometer, um sich exakt auf der Zentrallinie zu positionieren.
Und es gibt ein zweites Problem: das Timing. Die Vorhersage liefert den Zeitpunkt sekundengenau. Daher muss die Kamera bereits im Serienbildmodus auslösen, bevor die ISS eintrifft – denn sobald du sie mit bloßem Auge siehst, ist es zum Reagieren längst zu spät.
Mondtransit im Vergleich zum Sonnentransit
Der Mondtransit ist ideal für den Einstieg. Er erfordert keinen speziellen Schutzfilter, lässt sich mit einem normalen Teleobjektiv fotografieren und der Vollmond oder Fast-Vollmond bietet einen kontrastreichen Hintergrund. Die Silhouette der Station vor den Mondmeeren gehört zu den lohnendsten Motiven der Amateur-Astrofotografie.
Der Sonnentransit ist spektakulärer, aber auch gefährlicher. Die Sonnenscheibe ist ungleich heller und die Silhouette hebt sich mit außergewöhnlichem Kontrast ab, besonders wenn Sonnenflecken im Bildfeld liegen. Er erfordert jedoch ausnahmslos einen zertifizierten Sonnenfilter.
Die Warnung, die du nicht ignorieren darfst
Blicke niemals direkt in die Sonne – weder mit bloßem Auge noch durch den Kamerasucher, ein Fernglas oder ein Teleskop –, ohne dass ein zertifizierter Sonnenfilter vor dem Objektiv angebracht ist.
Ein einziger Augenblick genügt, um schmerzlose, aber bleibende Netzhautschäden zu verursachen. Ein Punkt muss dabei unmissverständlich klar sein: Sonnenbrillen, rußgeschwärzte Gläser, belichtete Röntgenbilder oder improvisierte Bastelfilter sind nutzlos. Der Filter muss ausdrücklich für die Sonnenbeobachtung zertifiziert sein und immer vorne am Instrument angebracht werden, niemals am Okular.
Wenn du auch nur den geringsten Zweifel an deiner Ausrüstung hast, bleib beim Mondtransit. Er ist genauso aufregend und birgt keinerlei Risiko.
So bereitest du den Transit vor
Es braucht im Wesentlichen vier Dinge: eine präzise Transit-Vorhersage für Pfad und Uhrzeit, ein Teleobjektiv oder kleines Teleskop, ein stabiles Stativ und eine schnelle Serienbildfunktion.
Die bewährte Routine: Sei frühzeitig vor Ort, fokussiere und belichte sorgfältig auf die Scheibe – den Mond oder die gefilterte Sonne – und mach eine Testserie. Beginne dann zehn bis fünfzehn Sekunden vor der berechneten Zeit mit Serienaufnahmen und halte durch, bis zehn bis fünfzehn Sekunden danach vergangen sind. Unter Hunderten von Aufnahmen werden ein oder zwei die Silhouette zeigen.
Es empfiehlt sich außerdem, die Vorhersage am selben Tag noch einmal zu aktualisieren: Die ISS verliert kontinuierlich an Höhe und führt Bahnmanöver durch, sodass Daten von vor einer Woche die Sichtbarkeitslinie bereits um mehrere Kilometer verschieben können. Die Hintergründe dazu erfährst du im Artikel darüber, wie ISS-Tracker funktionieren.
Vor dem Transit: Der normale Überflug
Wenn du die Station noch nie fotografiert hast, empfiehlt es sich, mit einem normalen Überflug zu beginnen: Langzeitbelichtung, eine leuchtende Spur quer durchs Bild und keine Notwendigkeit, in einem schmalen Streifen zu stehen. Das ist viel einfacher und vermittelt fast alles, was du wissen musst.
Wann die ISS an deinem Standort sichtbar ist, erfährst du mit unserem Überflug-Rechner, und die aktuelle Flugbahn kannst du im Echtzeit-Tracker verfolgen. Alle Grundlagen zur Himmelsbeobachtung findest du im Leitfaden zur ISS-Beobachtung.
Weniger als eine Sekunde Silhouette nach stundenlanger Vorbereitung und kilometerweiter Fahrt: Wer diesen Moment einmal eingefangen hat, macht es immer wieder.
Bilder: Titelbild, ISS Solar Transit (NHQ202104230051) — NASA Headquarters / NASA/Bill Ingalls (Gemeinfrei). Im Text, ISS Lunar Transit (201508020005HQ) — Bill Ingalls (Gemeinfrei).
Quelle: ISS Tracker ↗