Wo ist die ISS gerade? So liest du die Live-Karte
Die Frage klingt einfach: Wo befindet sich die Internationale Raumstation gerade? Doch die Antwort ändert sich im Sekundentakt, denn die Station legt in dieser Zeit fast acht Kilometer zurück. Wenn du diesen Absatz zu Ende gelesen hast, hat sie bereits ein ganzes Land überquert.
Die Daten, auf die du blickst
Wenn eine Karte dir die Position der ISS anzeigt, ist dieser Punkt nicht die Station selbst: Es ist ihre Projektion auf die Erdoberfläche – in der Fachsprache der sogenannte Subsatellitenpunkt. Es ist genau der Ort auf der Erde, über dem sich die ISS gerade in rund 400 Kilometern Höhe befindet.
Dieser Unterschied ist wichtig. Wenn die Karte einen Punkt über Marokko anzeigt, heißt das nicht, dass man sie nur von Marokko aus und nicht etwa von Spanien aus sehen kann: Aus 400 Kilometern Höhe umfasst der sichtbare Horizont einen Kreis von mehr als zweitausend Kilometern Durchmesser. Die Station ist von einem riesigen Streifen aus sichtbar, nicht nur von einem einzelnen Punkt.
Warum die Flugbahn eine Welle bildet
Das Erste, was beim Öffnen einer Tracking-Karte auffällt: Die Flugbahn ist weder eine gerade Linie noch ein Kreis, sondern eine geschwungene Wellenlinie, die zwischen etwa 51 Grad nördlicher und 51 Grad südlicher Breite auf und ab verläuft.
Diese Welle ist ein Effekt der Kartenprojektion. Die Umlaufbahn der ISS ist tatsächlich nahezu kreisförmig, aber um 51,6 Grad gegenüber dem Äquator geneigt. Wenn man eine Kugel auf einer rechteckigen Karte flachdrückt, wird aus diesem geneigten Kreis eine Sinuskurve.
Die zweite Besonderheit ist, dass jede neue Umrundung im Vergleich zur vorherigen nach links versetzt erscheint. Auch das ist kein Fehler: Die ISS braucht etwa 92 Minuten für eine Erdumrundung, und in dieser Zeit hat sich die Erde unter ihr um rund 22 Grad weitergedreht. Deshalb nimmt sie nie exakt denselben Weg und überfliegt mit der Zeit praktisch die gesamte bewohnte Welt.
Den genauen Mechanismus erklären wir ausführlich in So umkreist die ISS die Erde.
Die Zahlen neben der Position
Neben den Koordinaten werden meist drei weitere Werte angezeigt, die man verstehen sollte:
- Flughöhe: Sie liegt bei rund 400 Kilometern, ist aber nicht konstant. Durch die Reibung mit der Restatmosphäre verliert die Station kontinuierlich an Höhe und gewinnt diese durch regelmäßige Reboost-Manöver wieder zurück. Dass dieser Wert im Laufe der Monate zwischen 405 und 415 Kilometern schwankt, ist völlig normal.
- Geschwindigkeit: rund 27.600 km/h bzw. 7,66 Kilometer pro Sekunde. Das ist keine willkürliche Entscheidung der Ingenieure: In dieser Höhe ist genau dieses Tempo nötig, damit der freie Fall der Station der Erdkrümmung folgt, anstatt auf sie abzustürzen.
- Breiten- und Längengrad: Die Position über dem Boden. Steigt der Breitengrad, bewegt sich die Station nach Norden; sinkt er, fliegt sie Richtung Süden.
Woher diese Koordinaten stammen
Hier ist etwas, das fast jeden überrascht: Kein Tracker empfängt die Position der ISS live. Stattdessen gibt es einen Satz von Bahnparametern, die regelmäßig auf Basis von Radarbeobachtungen veröffentlicht werden, sowie ein mathematisches Modell, das daraus berechnet, wo sich die Station zu jedem beliebigen Zeitpunkt befinden müsste.
Aus diesem Grund zeigen zwei verschiedene Apps manchmal leicht unterschiedliche Punkte an: Es hängt davon ab, wie aktuell die jeweils heruntergeladenen Bahndaten sind. Die Abweichungen entsprechen meist nur wenigen Sekunden Vor- oder Nachlauf – für Beobachtungen mit bloßem Auge völlig unerheblich. Mehr Details findest du unter Die besten ISS-Tracker auswählen.
Sie ist gerade über meiner Stadt: Kann ich sie sehen?
Fast immer lautet die Antwort: Nein. Und genau das ist das häufigste Missverständnis von allen.
Dass die ISS direkt über dir hinwegfliegt, reicht nicht aus, um sie zu sehen. Es müssen zwei weitere Bedingungen erfüllt sein: Am Boden muss es dunkel sein, und die Station muss in ihrer Höhe noch von der Sonne angestrahlt werden. Fliegt sie mittags vorbei, ist sie unsichtbar – selbst wenn sie genau über deinem Kopf steht. Zieht sie um drei Uhr nachts vorüber, befindet sie sich höchstwahrscheinlich im Erdschatten und ist ebenfalls nicht zu sehen.
Das ideale Zeitfenster liegt in den zwei bis drei Stunden nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang. Um herauszufinden, wann der nächste sichtbare Überflug an deinem konkreten Standort stattfindet, nutze unseren Überflugzeiten-Rechner, der sichtbare Überflüge automatisch von unsichtbaren trennt.
Was du mit der Karte machen kannst
Das Live-Tracking bietet zwei besonders lohnende Möglichkeiten. Erstens hilft es, die Geometrie zu verstehen: Du siehst, wie sich die Flugbahn deiner Region nähert und wieder entfernt, und kannst abschätzen, aus welcher Richtung der nächste Überflug startet. Zweitens ist es die ideale Ergänzung zu den Live-Bildern der Außenkameras: Wenn du den Livestream und die Karte gleichzeitig anschaust, erkennst du genau, welche Küste oder welches Gebirge gerade im Bild auftaucht.
Die aktuelle Position kannst du in unserem Echtzeit-Tracker verfolgen, auf der Seite zur Besatzung erfährst du, wer gerade an Bord ist, und die Kameras findest du im Bereich für Livestreams.
Der Punkt auf der Karte bewegt sich, während du liest. Genau dieses Gefühl macht es so faszinierend, die Karte geöffnet zu lassen.
Bilder: Titelbild, ISS from the SpaceX Crew Dragon Endeavor during Flyaround (iss066e080382) — NASA Johnson Space Center / Thomas Pesquet (Gemeinfrei). Im Text, ISS-49 Europe city lights illuminate the ISS — NASA (Gemeinfrei).
Quelle: ISS Tracker ↗