ISS oder Flugzeug? So unterscheidest du sie in fünf Sekunden
Du gehst nach draußen, um die Internationale Raumstation zu beobachten, blickst in den Himmel und siehst einen leuchtenden Punkt vorbeiziehen. Sofort drängt sich die Frage auf: Ist das die ISS oder ein Flugzeug? Es gibt vier Merkmale, mit denen du das in weniger als zehn Sekunden herausfindest – ganz ohne Hilfsmittel.
Das eindeutigste Merkmal: das Blinken
Alle Luftfahrzeuge tragen vorgeschriebene Positions- und Antikollisionslichter, die blinken. Grün an der rechten Tragfläche, Rot an der linken sowie weiße oder rote Blitzlichter.
Die ISS blinkt niemals. Was du siehst, ist Sonnenlicht, das von ihren Solarmodulen und ihrer Struktur reflektiert wird – ihr Leuchten ist also durchgehend und stabil. Zwar kann ihre Helligkeit während des Überflugs langsam zu- oder abnehmen, sie blinkt jedoch nicht und wechselt auch nicht die Farbe.
Blinkt der Punkt, ist es ein Flugzeug. Handelt es sich um ein ruhiges, konstantes weißes Licht, hast du einen echten Kandidaten vor dir.
Das Geräusch
Die zweite Prüfung ist noch einfacher: lausche. Ein Flugzeug auf Reiseflughöhe ist in einer ruhigen Nacht zu hören, in geringerer Höhe sogar deutlich. Die ISS befindet sich in 400 Kilometern Höhe: Sie ist absolut lautlos.
Achte dabei jedoch auf die richtige Schlussfolgerung. Wenn du nichts hörst, beweist das noch nicht, dass es die Raumstation ist – denn ein sehr hoch fliegendes Flugzeug kann bei städtischen Hintergrundgeräuschen ebenfalls unbemerkt bleiben. Hörst du jedoch Triebwerke, scheidet die ISS definitiv aus.
Die Flugbahn
Objekte im Orbit bewegen sich immer in einer geraden Linie und mit konstanter Geschwindigkeit. Die ISS zieht in einem sauberen, gleichmäßigen Bogen über den Himmel – ohne zu beschleunigen, abzubremsen oder abzuweichen.
Ein Flugzeug hingegen kann abdrehen, den Kurs ändern, um einer Luftstraße zu folgen, oder im Landeanflug auf einen Flughafen deutliche Kurven fliegen. Und eine Drohne tut Dinge, die kein Objekt im Orbit jemals tun wird: anhalten, umkehren oder absinken.
Auch die scheinbare Geschwindigkeit liefert einen Hinweis. Die ISS braucht zwischen drei und sechs Minuten, um das gesamte sichtbare Firmament zu überqueren: Sie ist spürbar schneller als ein Passagierflugzeug, aber viel langsamer als eine Sternschnuppe, die nach weniger als einer Sekunde verglüht.
Das Ende des Überflugs
Dieses Merkmal liefert die endgültige Bestätigung und überrascht fast jeden, der es zum ersten Mal erlebt. Es kommt sehr häufig vor, dass die ISS mitten am Himmel schlagartig erlischt – weit vor dem Horizont –, indem sie innerhalb von zwei bis drei Sekunden schwächer wird und schließlich ganz verschwindet.
Das ist kein Fehler: Sie ist in den Erdschatten eingetreten und wird nicht mehr vom Sonnenlicht angestrahlt. Gelegentlich schimmert sie kurz vorher sogar leicht rötlich-orange – das orbitale Äquivalent eines Sonnenuntergangs.
Kein Flugzeug verhält sich so. Ein Flugzeug entfernt sich, und seine Lichter verblassen allmählich hinter dem Horizont oder in den Wolken, aber es erlischt niemals abrupt mitten am klaren Himmel.
Was es ebenfalls nicht ist
Neben Flugzeugen gibt es zwei weitere typische Verwechslungen:
- Starlink-Satellitenzüge: Mehrere Lichtpunkte, die wie an einer Perlenschnur aufgereiht hintereinander herziehen; besonders häufig in den ersten Tagen nach einem Start. Hat man sie einmal gesehen, verwechselt man sie nie wieder. Alle Details findest du unter Starlink im Vergleich zur ISS.
- Gewöhnliche Satelliten: Zeigen das gleiche Verhalten wie die ISS – gerade Flugbahn, kein Blinken –, sind aber viel lichtschwächer. Die Raumstation leuchtet so hell, dass sie mit der Venus konkurriert; ein normaler Satellit ist kaum von einem schwachen Stern zu unterscheiden.
- Wiedereintritte und Trümmerteile: Hinterlassen eine zerfallende, orangefarbene Leuchtspur, die in Stücke bricht. Die ISS ist immer ein einzelner, klarer Lichtpunkt.
Die Methode, die nie versagt
Die vier visuellen Merkmale funktionieren hervorragend, aber die verlässlichste Bestätigung liefert der Abgleich deiner Beobachtung mit den Vorhersagedaten. Prüfe vor dem Hinausgehen die genaue Uhrzeit, die Aufstiegsrichtung und die maximale Höhe des Überflugs im Überflugzeiten-Rechner.
Erscheint der Punkt zur vorhergesagten Zeit, aus der erwarteten Himmelsrichtung und steigt auf die berechnete Höhe, handelt es sich zweifellos um die ISS. Zieht er hingegen zu einem Zeitpunkt vorbei, für den kein Überflug gemeldet ist, weißt du sofort, dass du etwas anderes siehst.
Zu sehen, wo sich die Raumstation im aktuellen Moment auf dem Echtzeit-Tracker befindet, hilft dir außerdem, die Geometrie des Überflugs vorab zu verstehen. Und falls es deine erste Beobachtung ist, fasst der Leitfaden zur Beobachtung alles zusammen, was du im Vorfeld wissen solltest.
Weißer Lichtpunkt, konstante Helligkeit, gerade Flugbahn, absolute Stille und plötzliches Verschwinden. Mit diesen fünf Merkmalen gerätst du künftig nie mehr ins Zweifeln.
Bilder: Titelbild, Starlink über dem Rathaus in Tübingen — Dktue (CC0). Im Text, MV-22 Osprey after dark — Corporal Patrick King, United States Marine Corps (Gemeinfrei).
Quelle: ISS Tracker ↗