ISS oder Tiangong: So unterscheidest du die Raumstationen am Himmel
Seit einigen Jahren kreisen zwei bewohnte Raumstationen um die Erde, und beide lassen sich mit bloßem Auge beobachten. Wenn du einen hellen Lichtpunkt über den Himmel ziehen siehst, solltest du wissen, dass es nicht immer die ISS ist: Es könnte auch die chinesische Tiangong sein. Beide zu unterscheiden, ist einfacher als gedacht.
Zwei Stationen, zwei Größen
Die Internationale Raumstation ist seit dem Jahr 2000 dauerhaft bewohnt. Sie wiegt rund 420 Tonnen, misst samt Solarpaneelen über 100 Meter von Seite zu Seite und ist mit großem Abstand das größte künstliche Objekt in der Erdumlaufbahn.
Tiangong, betrieben von China, wurde 2022 fertiggestellt. Sie ist deutlich kleiner: etwa 100 Tonnen schwer, besteht aus drei Hauptmodulen und beherbergt eine reguläre Besatzung von drei Taikonauten – gegenüber sechs bis sieben Personen auf der ISS.
Genau dieser Größenunterschied hilft dir, sie am Nachthimmel auseinanderzuhalten. Denn was du von beiden siehst, ist reflektiertes Sonnenlicht – und die reflektierende Fläche der ISS ist um ein Vielfaches größer.
Wie du sie beim Beobachten unterscheidest
An der Helligkeit. Das ist das direkteste Kriterium. Bei einem guten Überflug erreicht die ISS eine Magnitude von -3 oder -4 und macht damit der Venus Konkurrenz. Tiangong bewegt sich meist zwischen Magnitude 0 und -1: deutlich sichtbar und vergleichbar mit den hellsten Sternen, aber ohne diese enorme Leuchtkraft, durch die die ISS sofort ins Auge sticht. Dominiert der Lichtpunkt den Himmel unübersehbar, ist es die ISS.
An der Flughöhe. Die ISS fliegt auf etwa 400 Kilometern Höhe, Tiangong liegt mit rund 380 Kilometern etwas darunter. Das ist ein kleiner Unterschied, den man mit dem Auge nicht erkennt, der aber erklärt, warum Überflüge von Tiangong tendenziell etwas schneller wirken.
An der Bahnneigung. Hier gibt es einen nützlichen Anhaltspunkt. Die ISS zieht ihre Bahnen mit einer Inklination von 51,6 Grad, Tiangong mit etwa 41,5 Grad. Die praktische Folge: In höheren Breiten (wie Nordeuropa) ist Tiangong schlechter und nur sehr tief am Horizont zu sehen, während in mittleren und südlichen Breiten (Spanien, Lateinamerika) beide gut sichtbar sind. Im südlichen Europa zieht Tiangong häufiger durch die südliche Himmelshälfte als die ISS.
An den Überflugzeiten. Beide folgen derselben Regel: Sie sind nur zu sehen, wenn es bei dir am Boden bereits dunkel ist, die Stationen da oben aber noch von der Sonne angestrahlt werden – also in den Stunden direkt nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang. Ihre Überflüge fallen nie zeitgleich zusammen; ein Blick in den Fahrplan bringt also die endgültige Gewissheit.
Was keine von beiden ist
Bevor du bestimmst, welche der beiden du gesehen hast, schließe typische Verwechslungskandidaten aus:
- Flugzeuge: Blinkende Positionslichter in Grün und Rot, dazu Triebwerksgeräusche in geringer Höhe. Weder die ISS noch Tiangong blinken oder machen Geräusche.
- Starlink-Satellitenzüge: Mehrere Punkte wie an einer Perlenschnur aufgereiht, die sich gemeinsam fortbewegen. Ein unverwechselbares Bild, besonders in den Tagen nach einem Start. Wir erklären das ausführlich im Ratgeber Starlink von der ISS unterscheiden.
- Gewöhnliche Satelliten: Deutlich lichtschwächer, oft mit unregelmäßigem Aufblitzen, wenn sie taumeln oder rotieren.
- Drohnen: Bleiben in der Luft stehen, ändern abrupt die Richtung oder sinken ab. Kein Objekt in einer Erdumlaufbahn verhält sich jemals so – die Flugbahn ist immer gleichmäßig und schnurgerade.
Die Methode, die immer funktioniert
Das bloße Raten macht Spaß, doch die einzig sichere Methode ist der Abgleich mit den Bahndaten. Prüfe vor dem Beobachten die ISS-Überflüge für deinen Standort mit dem Überflugzeiten-Rechner: Erscheint das Objekt pünktlich zur vorhergesagten Minute aus der berechneten Himmelsrichtung und Höhe, handelt es sich zweifelsfrei um die ISS. Kreuzt ein Lichtpunkt zu einer Zeit auf, an der kein Überflug angesetzt ist, hast du Tiangong oder einen anderen Satelliten vor dir.
Ein Blick auf die aktuelle Position der Station im Echtzeit-Tracker hilft dir zudem, die Situation einzuordnen: Befindet sich die ISS in diesem Moment über dem Pazifik, war das Licht vor deinem Fenster definitiv nicht die Raumstation.
Warum es sich lohnt, nach beiden Ausschau zu halten
Es hat etwas Faszinierendes, sich bewusst zu machen, dass beide Lichtpunkte bewohnte Labore sind. Auf der ISS leben und arbeiten seit über zwei Jahrzehnten internationale Crews zusammen; auf Tiangong forschen drei Personen im Rahmen eines völlig eigenständigen Raumfahrtprogramms. Beide in derselben Woche vom eigenen Balkon oder Garten aus zu sehen, vermittelt ein greifbares Bild davon, was sich heute im erdnahen Orbit abspielt.
Gehst du zum ersten Mal auf die Jagd nach Raumstationen, starte am besten mit der ISS: Sie leuchtet heller, zieht häufiger vorbei und lässt sich leichter aufspüren. Alle praktischen Tipps findest du in unserem Leitfaden zur ISS-Beobachtung.
Hast du die ISS erst einmal sicher im Blick, ist Tiangong das perfekte nächste Ziel – und du weißt nun genau, worauf du achten musst.
Bilder: Titelbild, Chinese Tiangong Space Station — Shujianyang (CC BY-SA 4.0). Artikel, Tiangong space station as seen from M.B Gonnet in March 2024 - BugWarp — BugWarp (CC BY 4.0).
Quelle: ISS Tracker ↗