ISS Tracking
← Zurück zum Blog
Wie lange braucht die ISS für eine Erdumrundung?

Wie lange braucht die ISS für eine Erdumrundung?

Veröffentlicht am 2026-09-01 · Vom ISS-Tracker-Team

Zweiundneunzig Minuten. So lange braucht die Internationale Raumstation für eine komplette Erdumrundung. Das ist weniger als ein durchschnittlicher Spielfilm – und in dieser Zeit hat sie Ozeane und Kontinente überquert sowie je einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang erlebt.

Die genaue Dauer und warum sie variiert

Die Umlaufzeit der ISS liegt je nach aktueller Bahnhöhe zwischen 92 und 93 Minuten. Das entspricht 15,5 Erdumrundungen pro Tag, was meist auf sechzehn gerundet wird.

Dieser Wert ist keine bewusste Designentscheidung und lässt sich auch nicht nach Belieben anpassen. Für jede Flughöhe im Orbit gibt es physikalisch nur eine einzige Umlaufzeit: Die Höhe bestimmt die Dauer der Runde. In 400 Kilometern Höhe sind es 92 Minuten; flöge die Raumstation höher, würde sie länger brauchen, flöge sie tiefer, ginge es schneller.

Da die ISS durch die Reibung an der Restatmosphäre kontinuierlich an Höhe verliert und diese durch regelmäßige Bahnkorrekturmanöver wieder ausgleicht, schwankt ihre Umlaufzeit im Laufe der Monate geringfügig. Es geht dabei nur um Sekunden, aber sie sind real.

Sechzehn Sonnenaufgänge am Tag

Die faszinierendste Folge dieses Tempos ist das, was die Besatzung zu sehen bekommt. Bei jedem Umlauf verbringt die Station etwa 45 Minuten im vollen Sonnenlicht und weitere 45 Minuten im Schatten der Erde. Bei 16 Runden bedeutet das: 16 Sonnenaufgänge und 16 Sonnenuntergänge in 24 Stunden.

Das bringt eine praktische Herausforderung mit sich, die an Bord gelöst werden muss. Der menschliche Körper steuert seine innere Uhr über das Licht, und ein Tag-Nacht-Wechsel alle 45 Minuten würde ihn völlig aus dem Takt bringen. Die Lösung: Auf der Station gilt als gemeinsame Referenzzeit die Koordinierte Weltzeit (UTC). Mithilfe von Fensterblenden und gesteuerter Beleuchtung wird ein 24-Stunden-Rhythmus simuliert. Wie Schlaf und Tagesablauf an Bord organisiert sind, erklären wir in Leben auf der ISS.

Die Lichter von Java aus dem Orbit: In 92 Minuten hat die Station den halben Planeten überquert.
Die Lichter von Java aus dem Orbit: In 92 Minuten hat die Station den halben Planeten überquert.

Warum sie nie denselben Weg nimmt

Hier liegt das Detail, das fast alles andere erklärt: Während die ISS ihre 92-minütige Runde dreht, rotiert die Erde unter ihr weiter. In dieser Zeit hat sich der Planet um etwa 22 Grad weitergedreht.

Das Ergebnis: Jeder Orbit überquert den Äquator etwa 2.400 Kilometer weiter westlich als der vorherige. Auf einer Karte ist das deutlich zu erkennen: Die Flugbahn zeichnet eine Reihe von Wellenlinien, die sich kontinuierlich nach links verschieben.

Daraus ergeben sich zwei interessante Konsequenzen. Erstens überfliegt die ISS im Laufe der Zeit praktisch die gesamte bewohnte Welt zwischen 51,6 Grad nördlicher und südlicher Breite – das entspricht ihrer Bahnneigung. Zweitens passiert sie nie exakt dieselbe Stelle: Das Muster verschiebt sich von Tag zu Tag und wiederholt sich erst nach etlichen Tagen annähernd.

Die genauen Zusammenhänge erfährst du in Wie die ISS die Erde umkreist.

Was das für Beobachtungen vom Boden bedeutet

Der 92-Minuten-Zyklus hat in guten Beobachtungsphasen einen ganz konkreten Effekt: Liegt dein Standort im Sichtbarkeitsfenster, kannst du die Raumstation vorbeiziehen sehen, anderthalb Stunden warten und sie beim nächsten Überflug erneut beobachten – diesmal weiter westlich versetzt und meist etwas flacher über dem Horizont.

Zwei oder sogar drei Überflüge in einer einzigen Nacht sind durchaus möglich. Die besten Gelegenheiten bieten sich zu Beginn einer solchen Phase, wenn die ISS hoch am Himmel steht und voll vom Sonnenlicht angestrahlt wird.

Der Wechsel von 45 Minuten Licht und 45 Minuten Schatten erklärt auch ein Phänomen, das Neulinge oft verblüfft: Die ISS kann mitten am Himmel plötzlich erlöschen, noch bevor sie den Horizont erreicht. Da ist nichts kaputtgegangen und die Vorhersage hat nicht versagt – die Station ist schlicht in den Erdschatten eingetreten und reflektiert kein Sonnenlicht mehr.

Live mitverfolgen

All das versteht man beim Zusehen noch viel besser als beim Lesen. Auf unserem Echtzeit-Tracker kannst du die Flugbahn live verfolgen und den Versatz von Orbit zu Orbit direkt auf der Karte nachvollziehen.

Der nächste Schritt: Geh nach draußen und schau nach oben! Finde den nächsten sichtbaren Überflug für deinen Standort mit dem Überflug-Rechner. Wenn du die ISS zum ersten Mal beobachtest, wirf vorher einen Blick in den Beobachtungsleitfaden, um zu wissen, worauf du achten musst.

Zweiundneunzig Minuten pro Umrundung. Wenn du diesen Text zu Ende gelesen hast, hat die ISS bereits wieder ein ganzes Stück ihrer Bahn hinter sich gebracht.

Bilder: Titelbild, A bright orange sunburst illuminates Earth's atmosphere during an orbital sunrise (iss074e0779393) — NASA Johnson Space Center (Gemeinfrei). Im Text, Lights of Java — NASA (Gemeinfrei).

Quelle: ISS Tracker ↗