Veröffentlicht am 12. Oktober 2026 · Aktualisiert am 12. Oktober 2026
Ein Fenster in 400 Kilometern Höhe
Astronauten erzählen oft, dass sie nach der Rückkehr nicht die Schwerelosigkeit am meisten vermissen, sondern das Fenster. Von der ISS aus füllt die Erde das halbe Blickfeld, verändert alle paar Minuten ihr Aussehen und gleicht keinem Foto so ganz. Hier geht es darum, was man dort oben genau sieht und warum, mit ein paar Zahlen, die das Ganze greifbarer machen.
Wie weit der Blick reicht
Aus rund 420 km Höhe liegt der Horizont etwa 2.300 km entfernt. Das ergibt eine einfache geometrische Rechnung mit dem Erdradius. Fliegt die Station über Madrid, könnte man von dort oben theoretisch von Irland bis zur Sahara und von den Azoren bis nach Italien blicken. Jeder Blick umfasst einen Kreis von etwa 4.600 km Durchmesser, ungefähr 3 % der Erdoberfläche.
In der Praxis sorgen Atmosphäre, Wolken und Dunst dafür, dass vor allem das scharf erscheint, was direkt darunter und im Umkreis von einigen hundert Kilometern liegt. Zum Horizont hin wird alles flacher und verschwimmt in einem bläulichen Band.
Die Krümmung und die blaue Linie
Ja, von der ISS aus sieht man die Erdkrümmung, allerdings weniger ausgeprägt als auf manchen Fotos mit Weitwinkelobjektiv, die sie übertreiben. Mit bloßem Auge ist der Horizont eine sanfte, klare Kurve.
Über dieser Kurve zeigt sich eines der Bilder, von denen Astronauten am häufigsten sprechen: die Atmosphäre im Profil, als hauchdünne blaue Linie zwischen dem Planeten und der Schwärze des Alls. Der größte Teil der Luft, die wir atmen, steckt in den untersten 10 bis 15 km. Im Verhältnis zur Größe der Erde ist diese Schicht dünner als die Schale eines Apfels. Diese Hülle so dünn vor sich zu sehen, gehört für viele, die dort hinauffliegen, zu den stärksten Eindrücken.
Sechzehn Sonnenaufgänge am Tag
Die Station umrundet die Erde etwa alle 92 Minuten. Pro Umlauf ist sie rund 55 Minuten in der Sonne und etwa 35 im Schatten. So erleben die Astronauten jeden Tag ungefähr 16 Sonnenaufgänge und 16 Sonnenuntergänge. Jeder dauert nur wenige Sekunden: Der Horizont leuchtet in einem Farbband von Rot bis Blau auf, und im nächsten Moment herrscht heller Tag oder tiefe Nacht.
Bei diesem Tempo, rund 28.000 km/h, steht die Landschaft nie still. Die Iberische Halbinsel ist in gut zwei Minuten überquert, der Atlantik in einer Viertelstunde. Um eine bestimmte Stadt zu fotografieren, müssen die Astronauten die Kamera vorher bereitmachen und genau im richtigen Moment auslösen.
Was man am Tag sieht
- Wüsten, Gebirge und Küsten sind am leichtesten auszumachen. Die Sahara, den Himalaya oder das Nildelta erkennt man auf den ersten Blick.
- Wolken und Sturmsysteme. Hurrikane mit ihrem Auge in der Mitte sieht man in voller Größe, was vom Boden aus unmöglich ist.
- Große Bauwerke: Flughäfen, Stauseen, breite Autobahnen in offenem Gelände oder die Gewächshäuser von Almería, die einen gut sichtbaren weißen Fleck bilden.
- Die Spiegelung der Sonne auf dem Meer, die wie ein silberner Scheinwerfer mit der Station mitwandert.
Der Mythos der Chinesischen Mauer: Mit bloßem Auge ist sie von der ISS aus nicht zu sehen. Die Mauer ist nur wenige Meter breit und hat dieselbe Farbe wie das Gelände um sie herum. Das haben Astronauten mehrerer Raumfahrtagenturen bestätigt, auch der erste chinesische Raumfahrer. Autobahnen und Flughäfen erkennt man leichter, und zwar wegen ihres Kontrasts, nicht wegen ihrer Länge.
Was man in der Nacht sieht
Nachts ändert sich alles. Städte erscheinen als goldene Flecken, verbunden durch Lichtfäden, die Straßen und Küsten folgen. Große Städte erkennt man an ihrer Form, und über Europa sieht man deutlich, wie unterschiedlich dicht die Lichter von Region zu Region sind.
Gewitter verraten sich durch Blitze, die die Wolken von innen erhellen wie Glühbirnen, die an- und ausgehen. Und weil die Bahn der ISS bis 51,6° geografischer Breite reicht, kommt sie oft in die Nähe der Zonen, in denen Polarlichter entstehen, vor allem auf der Südhalbkugel zwischen Australien und der Antarktis. Von oben sehen sie aus wie grüne und rötliche Vorhänge unterhalb der Station.
Außerdem sieht man das Nachthimmelsleuchten, einen schwachen grünlichen Saum am Rand des Planeten. Er entsteht durch Licht, das der Sauerstoff in der hohen Atmosphäre aussendet.
Sterne, wo man sie kaum erwartet
Auf vielen Fotos von der ISS sind keine Sterne zu sehen, und das sorgt immer wieder für Zweifel. Die Erklärung liegt in der Fototechnik: Eine von der Sonne beschienene Erde ist so hell, dass die Kamera sehr kurz belichten muss, und in dieser Zeit bleiben die Sterne unsichtbar. Auf der Nachtseite, mit langen Belichtungszeiten, sind sie bestens zu sehen. Astronauten berichten, dass der Himmel aus der Cupola spektakulär ist, wenn das Licht aus ist und sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben.
So siehst du es selbst live
Die Station hat Außenkameras, die einen Großteil der Zeit live senden, und die Besatzungen haben Millionen Fotos von der Erde gemacht, viele davon aus der Cupola, der Aussichtskuppel mit sieben Fenstern. Den Livestream der Erde kannst du direkt auf der Startseite des Trackers ansehen. Außerdem gibt es unseren Überblick über die NASA-Livekameras und eine Auswahl an Bildern in der Galerie. Wenn dich die Cupola und die übrigen Teile der Station interessieren, findest du alles Wichtige in Die Module der ISS.
Häufige Fragen
Sieht man von der ISS aus die Erdkrümmung?
Ja. Aus rund 400 km Höhe ist der Horizont deutlich gekrümmt, allerdings weniger stark, als manche Weitwinkelfotos nahelegen, die die Krümmung übertreiben.
Wie weit kann man von der ISS aus sehen?
Der Horizont liegt etwa 2.300 km entfernt. Über Madrid könnte man theoretisch von Irland bis zur Sahara sehen, auch wenn wegen des Dunsts vor allem das Nahe richtig scharf ist.
Ist die Chinesische Mauer von der ISS aus zu sehen?
Mit bloßem Auge nicht. Die Mauer ist sehr schmal und hat dieselbe Farbe wie das Gelände. Besser zu erkennen sind Bauwerke mit mehr Kontrast, etwa Flughäfen, Autobahnen oder die Gewächshäuser von Almería.
Wie viele Sonnenaufgänge sehen Astronauten pro Tag?
Etwa sechzehn. Die Station umrundet die Erde alle 92 Minuten und wechselt daher ungefähr alle 45 Minuten vom Tag in die Nacht oder umgekehrt.
Warum sind auf vielen ISS-Fotos keine Sterne zu sehen?
Weil die beleuchtete Erde so hell ist, dass die Kamera sehr kurz belichtet und die Sterne gar nicht erst aufgezeichnet werden. Auf der Nachtseite erscheinen sie sehr wohl.
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