Veröffentlicht am 12. Oktober 2026 · Aktualisiert am 12. Oktober 2026
Raus ins Vakuum, um zu arbeiten
Ein Weltraumspaziergang, im Fachjargon EVA (Extravehicular Activity, also Außenbordeinsatz), ist jeder Ausstieg eines Astronauten aus dem Raumfahrzeug, bei dem ihn nur sein Anzug schützt. Auf der ISS geht niemand zum Vergnügen nach draußen: Für jeden Einsatz gibt es eine Aufgabenliste, die monatelang vorbereitet wurde. Seit 1998 gab es mehr als 270 Außenbordeinsätze, um die Station aufzubauen, zu warten und zu verbessern, mehr als an jedem anderen Raumfahrzeug der Geschichte.
Typische Aufgaben sind der Tausch von Batterien und Pumpen, die Montage neuer Solarpaneele, das Anbringen oder Abbauen von Experimenten, die dem Vakuum ausgesetzt sind, der Austausch von Kameras und Antennen oder die Reparatur von Lecks. Vieles davon könnten auch die Roboterarme erledigen, aber für manche Arbeiten braucht es Hände.
Zwei Anzüge, zwei Schleusen
Die Station hat zwei Systeme für den Ausstieg, eines pro Segment:
| Merkmal | US-Anzug (EMU) | Russischer Anzug (Orlan) |
|---|---|---|
| Schleuse | Quest | Poisk |
| Einstieg | In zwei Teilen: erst die Hose, dann das starre Oberteil | Durch eine Tür im Rücken |
| Innendruck | Etwa 0,3 bar reiner Sauerstoff | Etwa 0,4 bar reiner Sauerstoff |
| Betriebsdauer | Rund 8 Stunden | Rund 7 Stunden |
| Rettung | Notfall-Rückstoßrucksack (SAFER) | Sicherungsleinen |
Im Grunde sind beide kleine Raumschiffe für eine Person. Jeder Anzug hat seinen eigenen Sauerstoff, entfernt das Kohlendioxid, regelt die Temperatur über Wasser, das durch eine Unterwäsche voller Schläuche fließt, und ist mit Funk, Lampen und Kameras ausgestattet.
Die Vorbereitung: den Stickstoff aus dem Blut holen
In der Station atmet man normale Luft bei demselben Druck wie auf Meereshöhe. Die Anzüge arbeiten dagegen mit viel geringerem Druck, damit sich Arme und Hände überhaupt beugen lassen; unter vollem Druck wären sie steif wie ein aufgeblasener Ballon. Ein abrupter Wechsel von einem Druck zum anderen hätte dieselben Folgen wie bei Tauchern, die zu schnell auftauchen: Stickstoffbläschen im Blut.
Um das zu verhindern, atmen die Astronauten vor dem Ausstieg längere Zeit reinen Sauerstoff und spülen so den Stickstoff aus dem Körper. Beim US-Anzug kombiniert man das mit Sport oder mit einer Nacht in der Schleuse bei reduziertem Druck. Mit Anziehen, Checks und Vorbereitung beginnt der Tag viele Stunden, bevor sich die Luke öffnet.
Wie lange ein Außenbordeinsatz dauert
Ein typischer Einsatz dauert sechs bis sieben Stunden, ohne Essen und mit einem Wasserbeutel im Anzug, dessen Trinkhalm auf Höhe des Mundes liegt. Den Rekord halten Jim Voss und Susan Helms, die im März 2001 während einer Shuttle-Mission zur ISS 8 Stunden und 56 Minuten draußen verbrachten. Das ist der längste Weltraumspaziergang der Geschichte.
Normalerweise steigen zwei Astronauten gleichzeitig aus. Einer von ihnen trägt rote Streifen am Anzug, damit man auf den Bildern erkennt, wer wer ist. In der Station liest ihnen ein weiteres Besatzungsmitglied die Arbeitsschritte vor, ein anderes bedient bei Bedarf den Roboterarm. Am Boden verfolgt das Team im Kontrollzentrum jede Bewegung.
Die Gefahren
- Extreme Temperaturen. In der Sonne werden Oberflächen heißer als 100 °C, im Schatten kälter als −100 °C. Und die Station wechselt alle 45 Minuten von einem Zustand in den anderen.
- Mikrometeoriten und Weltraumschrott. Die Schichten des Anzugs schützen vor winzigen Partikeln, doch ein größeres Bruchstück wäre ein ernstes Problem. Mehr dazu in Weltraumschrott und die ISS.
- Kanten und Werkzeuge. Ein Schnitt im Handschuh gehört zu den häufigsten Sorgen. Deshalb werden die Handschuhe nach jedem Einsatz kontrolliert.
- Defekte am Anzug. Im Juli 2013 begann sich bei einem Weltraumspaziergang der Helm des italienischen Astronauten Luca Parmitano wegen einer Störung im Kühlsystem mit Wasser zu füllen. Er musste fast ohne Sicht und Gehör zur Schleuse zurückfinden. Der Zwischenfall veränderte die Abläufe: Heute haben die Helme einen Notfall-Atemschlauch und ein saugfähiges Polster.
Damit sie nicht davontreiben, sind die Astronauten immer mit Leinen an der Station gesichert, und die Werkzeuge sind am Anzug festgebunden. Dass trotzdem etwas verloren geht, kommt häufig vor: Über die Jahre sind mehrere Werkzeuge und Taschen davongeschwebt und eine Zeit lang im Orbit geblieben, bis sie in die Atmosphäre eintraten.
Ein historischer Einsatz: Am 18. Oktober 2019 absolvierten Christina Koch und Jessica Meir den ersten Außenbordeinsatz, an dem nur Frauen beteiligt waren. Meir ist als Teil der aktuellen Besatzung auf die Station zurückgekehrt. Mehr über sie erfährst du in ihrem Porträt auf unserer Besatzungsseite.
Wie sie trainieren
Jede Stunde draußen wird am Boden viele Male geprobt. Die NASA nutzt in Houston ein riesiges Becken, das Neutral Buoyancy Laboratory, in dem lebensgroße Nachbauten von Teilen der Station unter Wasser liegen. Russland hat eine ähnliche Anlage im Sternenstädtchen bei Moskau. In Anzügen, die so austariert sind, dass sie weder sinken noch aufsteigen, üben die Astronauten jeden Handgriff, bis er sitzt. Mehr dazu in So trainieren Astronauten für die ISS.
So siehst du live zu
Die NASA überträgt Weltraumspaziergänge live, mit den Helmkameras, den Außenkameras der Station und Kommentaren aus der Missionskontrolle. Angekündigt werden sie einige Tage im Voraus. In unserem Bereich Außenbordeinsätze live sammeln wir die Übertragungen, sobald einer geplant ist.
Häufige Fragen
Wie lange dauert ein Weltraumspaziergang an der ISS?
Meist sechs bis sieben Stunden. Der Rekord liegt bei 8 Stunden und 56 Minuten, aufgestellt von Jim Voss und Susan Helms im März 2001.
Wie viele Außenbordeinsätze gab es an der ISS?
Mehr als 270 seit 1998, um die Station aufzubauen, zu warten und zu verbessern. Kein anderes Raumfahrzeug hat so viele gebraucht.
Warum atmen die Astronauten vor dem Ausstieg reinen Sauerstoff?
Weil die Anzüge mit viel geringerem Druck arbeiten als die Station. Wer vorher reinen Sauerstoff atmet, spült den Stickstoff aus dem Körper. So bilden sich keine Bläschen im Blut, wie es bei Tauchern passiert, die zu schnell auftauchen.
Was passiert, wenn sich ein Astronaut beim Weltraumspaziergang von der Station löst?
Draußen ist jeder Astronaut immer mit Leinen gesichert. Zusätzlich hat der US-Anzug einen kleinen Notfall-Rückstoßrucksack, mit dem man zur Station zurückkäme, falls die Sicherung versagt. In einem echten Notfall musste er noch nie eingesetzt werden.
Kann man Außenbordeinsätze live sehen?
Ja. Die NASA überträgt sie mit Kameras an den Helmen und an der Station. Wenn einer geplant ist, verlinken wir ihn in unserem Live-Bereich.
Wo fliegt die Station gerade?
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